PINA ist ein abendfüllender Tanzfilm in 3D mit dem Ensemble des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch und der mitreißenden, einzigartigen Kunst seiner großen, im Sommer 2009 verstorbenen Choreographin.
PINA ist ein Film für Pina Bausch von Wim Wenders.
Er lädt die Zuschauer ein auf eine sinnliche, bildgewaltige Entdeckungsreise in eine neue Dimension: mitten hinein auf die Bühne des legendären Ensembles und mit den Tänzern hinaus aus dem Theater in die Stadt und das Umland von Wuppertal – den Ort, der 35 Jahre für Pina Bausch Heimat und Zentrum ihres kreativen Schaffens war.
Wim Wenders war tief beeindruckt und bewegt, als er 1985 mit "Café Müller" erstmals ein Stück der Choreografin Pina Bausch bei einem Gastspiel des Tanztheater Wuppertal in Venedig sah. Aus dem persönlichem Kennenlernen der beiden Künstler erwuchs eine langjährige Freundschaft und im Lauf der Zeit auch der Plan für einen gemeinsamen Film. Doch scheiterte die Umsetzung lange an den verfügbaren Möglichkeiten des Mediums: Wenders spürte, dass er noch keine Form gefunden hatte, Pina Bauschs einzigartige Kunst aus Bewegung, Gestik, Sprache und Musik im Raum adäquat umzusetzen. Der gemeinsame Film wurde mit den Jahren eine vertraute Anspielung, mit der sich beide Künstler immer wieder an ihr Vorhaben erinnerten.
Die Initialzündung war für Wim Wenders schließlich die irische Rockband U2, die 2007 bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes ihren digital produzierten 3D-Konzertfilm "U2-3D" präsentierten. Wenders war sich schlagartig klar: "Mit 3D wäre es möglich! Nur so, unter Einbeziehung der Dimension des Raumes, könnte ich mir zutrauen (und eben nicht nur anmaßen), Pinas Tanztheater in einer angemessenen Form auf die Leinwand zu bringen." Wenders begann, sich systematisch die neue Generation des 3D Kinos anzuschauen und fing 2008 an mit Pina Bausch über die Realisierung ihres gemeinsamen Traums nachzudenken, für dessen Umsetzung Bausch dann zusammen mit Wim Wenders die Stücke "Café Müller", "Le Sacre du printemps", "Vollmond" und "Kontakthof" aus ihrem Repertoire auswählte und für die Spielzeit 2009/2010 auf den Spielplan setzte.
Anfang 2009 traten Wim Wenders und seine Produktionsfirma Neue Road Movies zusammen mit Pina Bausch und dem Ensemble des Tanztheater Wuppertal in die Phase der konkreten Produktionsvorbereitung ein. Nach einem halben Jahr intensiver Arbeit geschah zwei Tage vor dem geplanten 3D-Probedreh in Wuppertal das Unvorstellbare: Pina Bausch verstarb am 30. Juni 2009 plötzlich und unerwartet. Weltweit betrauerten die Bewunderer ihrer Kunst und Freunde des Tanztheater Wuppertals den Tod der großen Choreographin. Damit schien auch das gemeinsame Filmprojekt beendet. Wim Wenders stoppte die Vorbereitungen sofort und war überzeugt, dass der gemeinsame Film ohne Pina Bausch nicht mehr zu realisieren war.
Nach einer Phase der Trauer und Reflektion und ermutigt von viel stimmigem, weltweitem Zuspruch, der Zustimmung der Familie und der Aufforderung von Mitarbeitern und Tänzern des Ensembles, die die für den Film geplanten Stücke noch frisch mit ihr einstudiert hatten, entschied sich Wim Wenders, den Film nun ohne Pina Bausch an seiner Seite zu realisieren. Ihr forschender, liebevoller Blick auf die Gesten und Bewegungen ihrer Tänzer und auf jedes kleinste Detail ihrer Choreographien war lebendig in die Körper und Ausdruckskraft ihres Ensembles eingeschrieben. Jetzt war, trotz des großen Verlusts, der richtige Moment, diesen spezifischen Blick filmisch zu suchen und festzuhalten.
Das neue Filmkonzept umfasst, neben Auszügen aus den vier Inszenierungen "Café Müller", "Le Sacre du printemps", "Vollmond" und "Kontakthof", sparsam eingesetztes Archivmaterial von Pina Bausch bei der Arbeit, das innovativ in die 3D-Welt des Films eingefügt wurde, und als drittes Element zahlreiche phantasievolle, kurze Soloauftritte der Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles. Wim Wenders nutzte dafür die von Pina Bausch verwendete Methode des "Fragens", mit der die Choreographin ihre neuen Inszenierungen erarbeitete. Pina Bausch stellte Fragen und ihre Tänzer antworteten nicht mit Worten, sondern mit improvisiertem Tanz und Körpersprache.
Sie tanzten intime Empfindungen und persönliche Erfahrungen, aus denen Pina Bausch in intensivem Austausch mit dem Ensemble ihre neuen Stücke entwickelte. Diese Methode nahm Wenders auf, als er die Tänzerinnen und Tänzer aufforderte, ihre Erinnerungen an Pina Bausch für den Film in individuellen Soloauftritten zu formulieren. Diese verschiedenen Soli ‚für Pina' filmte Wenders an zahlreichen Orten in und um Wuppertal, in der Natur des Bergischen Lands, in Industrieanlagen, auf Straßenkreuzungen und in der Wuppertaler Schwebebahn. Sie geben den Tänzerinnen und Tänzern des Ensembles Individualität und Gesicht und bilden eine spannende, vielstimmige Ergänzung zu den durchkomponierten Stücken "Café Müller", "Le Sacre du printemps", "Vollmond" und "Kontakthof".
Die langjährige Kostümbildnerin des Tanztheater Wuppertal, Marion Cito, resümierte die Arbeit mit Wim Wenders und seinem Filmteam während der Dreharbeiten: "Wie viele meiner Kollegen begreife ich manchmal gar nicht, dass Pina Bausch nicht mehr da ist. Die große Trauer ist noch längst nicht beendet. Darüber hinwegzukommen, braucht noch Zeit. Man spürt aber, dass sie in ihren Stücken weiterlebt. Alles was ich mache, auch die Dreharbeiten, mache ich für Pina. Das hilft. Ich finde es ganz toll, dass Wenders seinen Film jetzt dreht, denn Pina hat ihn sich sehr gewünscht."
PINA ist nicht nur einer der ersten europäischen 3D-Filme überhaupt, er ist auch der weltweit erste 3D-Arthaus-Film. Produzent Gian-Piero Ringel stand vor keiner leichten Aufgabe: "Technisch wie auch vom Genre betreten wir mit PINA absolutes Neuland. Allein die Experten für die technische Entwicklung und Durchführung zu finden war eine Herausforderung, weil es nur sehr wenige gibt." Derzeit entwickelt sich durch das digitale 3D-Verfahren eine neue Filmsprache – eine Herausforderung für jeden Produzenten: "Viele andere Regisseure schrecken noch davor zurück in 3D zu arbeiten, weil es noch keine erfolgreichen Vorbilder gibt. Wir wollten bei der Erweiterung der filmischen Sprache in 3D Vorreiter sein."
Doch bedeutet das Erobern von Neuland auch eine besondere Anstrengung: "Alle an der Produktion Beteiligten mussten zunächst herausfinden, wie man einen 3D-Tanzfilm überhaupt umsetzt. Denn was in 2D funktioniert, muss noch lange nicht in 3D funktionieren. Dafür war eine regelrechte Grundlagenforschung nötig.", erklärt 3D-Producer Erwin M. Schmidt. Und weiter: "In einem permanenten Lernprozess haben wir das gesamte Know-how für die Vorbereitungen, den Dreh und ebenso für Postproduktion und die Verwertung erworben."
"Das neue 3D-Verfahren eröffnet einen völlig neuen Blick auf das Tanztheater", freute sich Dominique Mercy, einer der beiden künstlerischen Direktoren des Tanztheater Wuppertal, während der Dreharbeiten. "Daran mit Wim Wenders und seiner Crew zu arbeiten, ist eine wunderbare Erfahrung. Es ist eine riesige gemeinsame Entdeckungsreise. Wim Wenders findet immer mehr heraus was Tanztheater alles sein kann, und wir erfahren mit dem Filmteam eine völlig neue Arbeitsweise. Und eine äußerst kreative Atmosphäre."
"Mit der neuen 3D-Technik greift Wim Wenders die Grenzüberschreitungen des Tanztheaters auf", erklärt Peter Pabst, Bühnenbildner des Tanztheaters Wuppertal seit 1980 und Art Director der Filmproduktion PINA. "Das Grenzüberschreiten zwischen der Bühne und dem Zuschauer ist ein wichtiger Teil der Choreographien. Die Tänzer sind permanent mit dem Publikum beschäftigt, steigen auch physisch von der Bühne herunter. Für Pina Bausch hat immer eine entscheidende Rolle gespielt, dass die Stücke sich erst in den Köpfen, in den Augen, in den Herzen, in den Gefühlen der Zuschauer komplettieren."
Wim Wenders erobert mit PINA eine neue Dimension des Filmemachens, und sagt schon während der Dreharbeiten dennoch: "So sehr wir die dritte Dimension brauchen, werden wir gleichzeitig auch unser Bestes tun, gerade diese ,Eroberung des Raumes' den Zuschauer vergessen zu lassen. Die Plastizität soll nicht auf sich selbst aufmerksam machen, sondern sich möglichst unsichtbar machen, Pinas Kunst dafür aber umso erkenntlicher."
PINA wurde in zwei Drehblöcken Ende Oktober 2009 und Mitte April 2010 in Wuppertal gedreht. Im ersten Drehblock wurden die Stücke "Café Müller", "Le Sacre du printemps" und "Vollmond" auf der Bühne des Wuppertaler Opernhauses live vor Publikum in ihrer gesamten Länge aufgenommen. Der enge weltweite Tourneeplan des Tanztheaters ermöglichte nur ein kleines Zeitfenster für die Aufzeichnung der Inszenierungen. Neben der neuartigen 3D-Aufzeichnung stieg die Herausforderung mit der Live-Situation deutlich, da die Aufnahmen nicht beliebig unterbrochen oder wiederholt werden konnten. Die Komplexität einer 3D-Live-Aufzeichnung erforderte eine intensive Vorbereitung und Planung.
Wim Wenders konnte für die 3D-Bildgestaltung mit Alain Derobe einen der erfahrensten 3D-Pioniere als Stereographen gewinnen. Für die besonderen Anforderungen des Drehs von PINA hat Derobe ein spezielles auf einem Kamerakran montiertes 3D-Kamerasystem entwickelt. Für die Tiefengestaltung des Raumes ist es sehr wichtig, nah an den Tänzern zu bleiben und ihnen zu folgen: "Normalerweise würde man bei einem Tanzfilm die Kameras vor der Bühne aufbauen, weit weg vom Bühnengeschehen", sagt Alain Derobe, "für ‚PINA' installieren wir die Kameras zwischen den Tänzern. Die Kamera soll regelrecht mit den Tänzern tanzen. Deshalb musste sich jedes Crew-Mitglied mit der Choreographie beschäftigen. Jeder musste genau wissen, wohin sich die Tänzer bewegen, damit die Kamera ihnen folgen konnte."
Unterstützt wurde Derobe vom 3D Supervisor François Garnier, der Tanztheater in 3D ebenfalls als besondere Herausforderung sieht: "Wir können einen Tänzer nicht in so kurzen Sequenzen unterbrechen, man muss in deutlich längeren Abschnitten drehen. Die Herausforderung ist es, mit der Kamera immer sehr dicht dabei zu bleiben, obwohl sich der Tänzer oder die Tänzerin bewegt." Trotz der Schwierigkeiten ist Garnier überzeugt vom 3D-Einsatz: "Da Tanz vom Wesen her eine Bewegung im Raum ist, gibt es kein besseres Verfahren als die 3D-Technik, um den Tanz darzustellen. 3D hat viel mehr Raum, mehr Action, mehr Bewegung. Der Eindruck der physischen Sensation ist wesentlich stärker als jede intellektuelle Reflektion. Mit 3D betritt das Kino eine neue Stufe."
Im zweiten Drehblock zeichnete das Team mit "Kontakthof" ein weiteres frühes Stück von Pina Bausch auf, diesmal ohne Publikum. Der Klassiker wurde von Wenders in den von Pina Bausch konzipierten drei unterschiedlichen Besetzungen gefilmt mit dem Ensemble des Tanztheaters Wuppertal, mit Damen und Herren ab 65 und mit Teenagern ab 14. Für die Soli der Tänzerinnen und Tänzer des Ensembles verließ die Produktion danach den begrenzten Raum der Bühne und inszenierte auf öffentlichen Plätzen, in Industrielandschaften, in der weitläufigen Natur des Bergischen Landes und in der Wuppertaler Schwebebahn. Technisch möglich wurde der zweite Teil der 3D-Dreharbeiten durch eine eigens für den Film entwickeltes kompaktes 3D-Steadycam-System.



